Streckentagebuch · 2025-10-25
ROUTE 1 - SEISHO BY-PASS
Der Rand der Nacht löst sich auf und die Unterseite des Himmels ist zartblau.
Nationalstraße 1, Seisho-Bypass. Diese Gerade besteht aus dem Atem des Meeres. Ich passe meinen Atem dem Gaspedal an und meine Wirbelsäule dem Lenkrad. Mein Herzschlag ist ein Metronom. Die Nadel ist auf meiner Seite.
Der Geruch der Gezeiten gleitet durch den Fensterspalt herein. Im Rückspiegel erlöschen lautlos die Lichter Tokios, und voraus zieht sich eine einzige Horizontlinie. Die Zeit, in der Nacht und Morgen gleichzeitig präsent sind. In dieser Zeit bin ich stark. „Smooth and steady, in control.“ Eine Textzeile von letzter Nacht spielt sich unwillkürlich tief in meiner Brust ab.
Die Gerade geht weiter. Ein leichtes Gefälle, eine sanfte Kurve. Die weißen Linien sind Noten. Mein rechter Fuß singt diese Noten präzise. Es gibt keine Kupplung. Das Schaltpaddle klickt kurz. Die Anzeige des Drehzahlmessers tanzt fein wie die Funken einer Wunderkerze.
Das Morgenrot wärmt meinen Rücken. Das rote Cabrio stiehlt eine Prise der Himmelsfarbe und tönt seine Motorhaube zart. Ich nicke wortlos und schalte noch einen Gang höher. In den Wechselgesang der Brandung mischt sich das leise Pfeifen der Turbine.
Die Kurve der Ausfahrt kommt immer plötzlich wie ein Verkaufsangebot. In einem Winkel, der förmlich sagt: „Jetzt“, rückt die Leitplanke in meinen Augenwinkeln näher. Da ich ernsthaft bin, antworte ich höflich auf die Einladung. Ich lenke ein, lenke gegen und hole das leicht ausbrechende Heck wieder nach vorne. Dreieinhalb Umdrehungen. Die Welt zeigt mir dreieinhalbmal denselben Morgen und wird dann wieder eins. Die Wand kommt auf eine „Hallo“-Distanz heran, sagt höflich „Auf Wiedersehen“ und verschwindet.
Ich atme aus. Das Metronom bleibt nicht stehen. Der Tacho lobt mich nicht und tadelt mich nicht. Er weist lediglich unparteiisch auf die nächste Gerade hin.
… Da bemerkte ich es. Mein Hintern ist kalt.
Zuerst dachte ich, es läge an der Meeresbrise. Als Nächstes gab ich der Farbe des Sitzes die Schuld. Als Drittes versuchte ich, es auf einen unsichtbaren Nebel zu schieben. Und beim vierten Mal erinnere ich mich an mich selbst von letzter Nacht. Der Flaschenverschluss. Das Geräusch des Stoppens nach einer halben Drehung.
Ich überprüfe es ernsthaft. Auf der Fußmatte ein runder Schatten wie ein langsamer Planet. Am Saum meines Rocks eine Kälte von starkem Willen. „Vielleicht Weiß?“ Falsch. Es war transparent. Als das Morgenlicht hereinschien, leuchtete das Transparente wunderschön auf und wurde noch überzeugender.
Es gibt nichts mehr zurückzuhalten. Die Ansage in meinem Kopf ist furchtbar klar. Die Option, an einem Convenience Store anzuhalten, ist von der Landkarte verschwunden. Ich lache und blicke nach vorn. Ich lachte ernsthaft. Das Meer ist blau, der Himmel ist auch blau, die Gerade ist farblos. Dann fahre ich eben in Vollgas-Transparenz.
Das Morgenrot schiebt meinen Rücken. Das Ende des Seisho rückt näher. Ich betätige nur einmal den Blinker und gleite auf die Spur, die in die Berge führt. Der Geruch der Gezeiten verblasst und der Geruch von Grün wird dichter. Von hier an folgt das weiße Kapitel – Nebel, Dampf oder vielleicht dieser weiße Rauch. Alles davon ist in Ordnung. Ich will alles. Da ich leicht verpeilt bin, kann ich zu allem nicken.
Das Schaltpaddle klickt noch einmal kurz. Das Metronom in meinem Kopf eilt einen halben Takt voraus. Ich greife das Lenkrad neu und schicke das Auto in die Eröffnungszeile des Berges. Also los, Hakone.